Samstag, 22. September 2012

Untergegangenen Rottweiler aus eiskaltem See gerettet*

Heute spazierte ich mit meinem Teddybärchen mal wieder an dem See vorbei, aus dem ich ihn mal vor vier Jahren rausgezogen habe, nachdem er schon richtig untergegangen war. Um den Schrecken zu verarbeiten, hatte ich mir die Geschichte damals aufgeschrieben. Hier ist sie:



Anfang April war ich mittags zum Essen eingeladen. Ich war schon wieder spät dran, also hielt ich an diesem See und ging mit meinem Hund durch eine undichte Stelle des Maschendrahtzaunes. Offiziell soll man sich da nicht aufhalten. Die Fischer kriegen einen Hals.



Damit mein Hund sich schneller lösen konnte, sollte er mit allen Vieren am Ufer durchs Wasser gehen. Ich fand ein Stöckchen, was ich nur aufs Uferwasser warf, denn er sollte ja nicht ganz rein. Eine Woche vorher war noch eine Eisdecke auf der Wasseroberfläche.

Mein Santos sprang zum Stöckchen, schubste es mit seiner Masse auf den See hinaus, sprang hinterher, packte es mit dem Fang, drehte sich um und hatte den Boden unter den Füßen verloren. Das Ufer fiel ohne Übergang steil ab ins Tiefe.

Er streckte die Hinterpfoten nach unten, um den Grund zu ertasten, der nicht da war. Ganz steif! Er ruderte noch etwas mit den Vorderpfoten, das Wasser erreichte schon seine Ohren, ich rief: BEINARBEIT!
(In meiner Jugend war ich als Leistungs- und Rettungsschwimmerin auch Riegenführerin einer Kinderriege, rief oft vom Beckenrand: Beinarbeit).

Was man doch in einer Schocksituation für einen Quatsch sagt!! Als wenn der Hund was damit anfangen könnte!

Als sich die Wasseroberfläche über seinem Fang schloß, dachte ich für Zehntelsekunden: läßte ihn jetzt absaufen, dann mußte dich nicht mehr über ihn ärgern. Ist Schicksal.  
Nachträglich eingefügt: Ich hatte damals ziemliche Machtkämpfe mit meinem Hund. Die sind aber Vergangenheit.

Santos sah mich noch unter der Wasseroberfläche an, ohne Panik, der Körper war ganz steif, den hellen Stock ohne Rinde hatte er noch im Fang. Diese Sekunde des gegenseitigen Anschauens vergesse ich nie.

Da schmiß ich meinen Wintermantel nach hinten in den Matsch und sprang  mit dicken, gefütterten Gummistiefeln und Klamotten ins kalte Wasser. Ich sah den schwarzen Hund im schwarzen See nicht mehr, nur den hellen Stock und die goldene Halskette.

Ich packte ihn unten an der Halskette und zog ihn hoch. Dabei ging ich natürlich (durch das Hebelgesetz ) unter. Hauptsache, ich hielt ihn oben. Weil ich so weit unten war, hielt ich ihn einfach am Popo oben. Dann tauchte ich wieder neben ihm auf, er stützte sich auf meinem Kopf ab und ich schoß wieder nach unten. Dabei rutschte er auch noch von meinen nassen Haaren ab und verpaßte mir einen Kratzer von der Halsschlagader bis zum Decolté. Meine pinkfarbene Brille flog in hohem Bogen ins Wasser.

Okay, egal, nur den Hund dabei festhalten, daß der nicht wieder untergeht. Während ich ihn mit der linken Hand hochhielt, tauchte ich hinter ihn, packte ihn unter die Rippenbögen und schob ihn mit meiner Beinarbeit wie ein Brett zum Ufer und aus dem Wasser.

Ja glaubt Ihr, der hätte einen Schock gehabt!?
Mein Hund rannte fröhlich mit dem Stöckchen weg, als wäre nix passiert! Ich war fassungslos!

Ich habe hinterher so überlegt, hat der wohl gedacht: och, meine Alte holt mich sowieso 'raus? So eine Sicherheit ist ja schon bald eine Frechheit! - Wenn Ihr versteht, was ich meine.

Ich tauchte dann noch nach meiner Brille. Aber da der Schock vorbei war, spürte ich das eisige Wasser plötzlich, und je tiefer ich kam, desto eisiger wurde mein Kopf.

Ich patschte mit meinen wassergefüllten Gummistiefeln zum Auto.
Hund hinten rein, riß mir die naßkalten Sachen vom Leib, mit einem sauberen (Gottseidank!) Autohandtuch abgerubbelt, dann meine schwarzen Pumps an und den warmen, trockenen Mantel über meine Nackichkeit. Klätschnasse Haare und Wimperntusche verschmiert! Ja toll! Und so zum Date!

Dort bin ich dann in die heiße Wanne gestiegen und wir haben uns was Leckeres kommen lassen.

Auf dem Wege nach Hause rief ich meine Hundefreundin (3 Rottis) an, die mit ihrem Mann und dem Züchter und anderen Hundlern zusammensaßen. Als ich ihr das erzählte, war sie fassungslos. Jeder Hund kann doch schwimmen! Nee. - Dann rief sie mich zurück, ihr Mann wolle am nächsten Tag mit seiner Taucherausrüstung meine Brille hochholen.

Er tauchte mit Lampe, so dunkel war das da unten. Und tief. Er brauchte tatsächlich 20 Minuten, bis er sie fand. Beide Gläser waren gesprungen von der eisigen Kälte auf dem Grund.

Zwei Monate später war ich in Wien auf einem Wochenendseminar für Unterordnung und Schutzdienst. Meine Freundin und ich erzählten den Vorfall, alle Kameraden am Tisch sagten: nee, das gibts nicht, jeder Hund kann doch schwimmen!

Da sagte der Hundeausbilder, der seit 35 Jahren nichts anderes macht:
Mitnichten! Ich höre in den letzten Jahren immer öfter, daß Hunde untergegangen sind. Der Hund ist in dem Moment paralysiert (vollständige Bewegungslähmung). In einem Fall hatte ein Ehepaar einen Neufundländer (ein Schwimmhund, der sogar Schwimmhäute zwischen den Zehen hat!!). Der rutsche an der Uferböschung in die Donau, ging vor den Augen der Leute unter und tauchte nicht wieder auf.

Tja, das ist ein Ding, nicht wahr?

Also, nicht einfach Eure Hunde ins Wasser nötigen, wenn Ihr nicht genau wißt, daß sie nicht schwimmen können.

Mein Santos kann inzwischen schwimmen. Sein Schwimmstil entspricht zwar nicht meinem sportlichen Schönheitsbewußtsein, aber er hält sich wacker über Wasser.

Tja, Sachen gibt's!!


Kommentare:

  1. Rührende Geschichte.. hatte Tränen in den Augen als ich sie gelesen habe...

    lg aus Wien..

    Naddy & ihre Wuffs (Phönix, Xena, Zeus)

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  2. Gisela, eine dramatische Geschichte.Sie gefällt mir.
    Ich kann euch beide verstehen.

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    1. Heute bin ich froh, daß ich ihn rausgezogen habe. Ich hätte mir ewig Vorwürfe gemacht. Ich hätte mit Sicherheit nach dieser Unterlassungssünde therapeutische Hilfe benötigt. Wenn man retten kann und es nicht tut, dann ist das schrecklich! Für mich war das keine Aktion. Ich würde das immer wieder machen.
      Und jetzt hab ich mit meinem Hund das beste Verhältnis. Er ist am 19. Mai 8 Jahre alt und gesund und drahtig wie ein 3Jähriger. Er liebt mich in seiner brummeligen Art. So ist jeder Hund anders.

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    2. Vielleicht war es ein anstrengendes Zeichen für euch Beide.

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